Eugy-Shop

Existenzgründerstimmung am Euregio

Der Eugy-Shop

Die Geschäftsidee der Klasse 7c war schnell entwickelt: Man wollte den Mitschülern die Möglichkeit bieten, ihren Bedarf an Schreibwaren kurzfristig und ohne aufwändige Fahrtwege während den Pausen direkt in der Schule anbieten. Man war sich jedoch einig, dass die Durchführung eines Unternehmensplanspiels „viel Arbeit für nichts“ sei und die Schüler daher auf die reale Umsetzung der Geschäftsidee drängten. Auf Rückfrage gab uns das Finanzamt Borken freundlicherweise grünes Licht für die Umsetzung im Rahmen pädagogischer Zielsetzungen.

Mit einer unglaublichen Motivation entwickelten die Schüler aus dieser Idee einen vollständigen Geschäftsplan: Mit Konsumentenbefragungen wurden der Schreibwaren-Bedarf sowie die Zahlungsbereitschaft für die einzelnen Produkte ermittelt; man einigte sich schnell auf einen Finanzierungsmix für die Unternehmensgründung aus Eigen- und Fremdkapitaldeckung. Erstere wurde über die Ausgabe von 100 echten Aktien zu je 50 ct realisiert. Schnell ernannten die Hauptaktionäre eine Geschäftsführung, die von da an das operative Geschäft übernahm: In Rücksprache mit den Klassenkameraden wurde die Produktpalette geplant und mittels der Tabellenkalkulation Microsoft Excel Preise kalkuliert und Gewinnszenarien aufgestellt. Außerdem schrieb die Geschäftsführung Stellen für Verkaufsmitarbeiter aus und führte Einstellungsgespräche und Gehaltsverhandlungen, die mit einem Arbeitslohn von 10 ct pro Pausenverkauf endeten. Der Politiklehrer, Herr Middendorf, kam in dieser Unterrichtsphase lediglich als Hintergrundwissen einbringender Unternehmensberater zum Einsatz – die Entscheidungskompetenzen lagen nahezu vollständig bei den Schülern.

Eigenständig erstellten die Schüler Werbeplakate, organisierten Sonderverkaufsaktionen und erhandelten sich bei der Schulleitung das Recht auf die Nutzung eines repräsentativen Verkaufsstands im Foyer des Euregio-Gymnasiums. Als Vereinfachung wurde das komplexe Steuersystem in Deutschland durch eine pauschale Gewinnsteuer in Höhe von 20 % ersetzt, die dem schuleigenen Entwicklungshilfe-Verein „Holocaust heute?!“ zugute kommt.

Die Euphorie und der Wunsch nach mehr Beteiligung an den unternehmerischen Entscheidungen des Eugy-Shops führten schnell zu einer Überhitzung der Nachfrage nach Aktien und zu einer Spekulationsblase, die den Aktienkurs vom Ausgabepreis von 50 ct auf 200 ct steigen ließ. Derzeit kühlen die Gemüter wieder etwas ab, so dass in einer in Kürze folgenden Podiumsdiskussion die Lohnpolitik unter den Aktionären, den Arbeitnehmern und den Geschäftsführern neu verhandelt werden muss. Bei dieser simulierten Diskussion melden sich selbstverständlich auch simulierte Kunden und Regierungsvertreter zu Wort, um ihre Sicht der Dinge einzubringen.

Durch authentisches Handeln und durch eine (wenn auch bescheidene) finanzielle Betroffenheit lernen die Schüler die marktwirtschaftlichen Anreizsysteme zur Aufnahme einer Arbeit und zur Aufnahme unternehmerischer Aktivitäten kennen lernen und erlangten tief greifende Einblicke in unternehmerische Prozesse, die Börse und das Arbeitsleben. Noch immer sind im Foyer des Euregio-Gymnasiums während der ersten großen Pause College-Blöcke, Hefte, Kugelschreiber, Bleistifte, Patronen, Geodreiecke und weitere Artikel käuflich erwerbbar. Eine dauerhafte Einrichtung kann das Projekt zumindest im bestehenden Rahmen dennoch nicht werden, da in dem Fall eine ernste Gewinnerzielungsabsicht bestünde, die einer steuerlichen Erfassung bedürfte. Aber wer weiß – vielleicht werden hier die Basics für eine spätere nachschulische Unternehmensgründung gelegt?!